Gemeinsam durch die Krise

„Ihre Beziehung ist Motor Ihrer Differenzierung - ob sie wollen oder nicht- !“ *
D. Schnarch

*Differenzierung meint die innere Entwicklung zu Selbständigkeit und Beziehungsfähigkeit

Über unsere Arbeit:


Wenn Paare zu uns in die Praxis kommen, fühlen sie sich meist völlig festgefahren. Jeder hat das Gefühl, sich schon viel zu lange und zu sehr angestrengt zu haben im Bemühen, die Beziehung am Leben zu erhalten.
Es herrscht Stau in ehemaligen Fluss der Gefühle, nichts geht mehr.
Was ist die Ursache des Staus?
Und wie können wir ihn gemeinsam beseitigen?

Anfangs braucht es erst einmal den Raum, in dem jeder mit seiner eigenen Wahrheit gesehen werden kann. Oft ist diese Wahrheit mit drängenden Gefühlen verbunden, die ausgedrückt werden wollen.
Enttäuschung, Wut Trauer, alles darf da sein in einer Form, die den Partner nicht verletzt.
Zu zweit ist es im Alltag oft unmöglich, über diese „brennenden“ Themen zu sprechen, weil sie sofort in gegenseitigen Vorwürfen und im Streit enden. Daher sprechen Paare oft gar nicht mehr über wichtige Belange, da sie schon wissen, dass ihr Partner das gar nicht hören will.
Frustration und Ärger wirken aber im Untergrund weiter und vergiften auch noch so belanglose Situationen.
Wir als Außenstehende können diese konfliktfördernden Kommunikationsmuster erkennen und den Paaren helfen, sie zu verändern.

Die Brisanz der Konflikte kommt jedoch meist nicht aus der aktuellen Situation, sondern daher, dass bei den Beteiligten alte Verletzungen angerührt werden oder sie sich selber im inneren Konflikt mit eigenen Glaubenssätzen befinden.
Zum Beispiel kann es sein, dass ich mich selten auf Sexualität mit meinem Partner einlasse, da in mir alte Glaubenssätze wirken, die mir Angst machen, mir jedoch gar nicht bewusst sind. Im Grunde sehne ich mich aber nach Berührung und Nähe, kann es jedoch in meinem Verhalten nicht zeigen.
Es ist wichtig, diese innere Dynamik zu erforschen, damit die Gefühle und Reaktionen dem Partner gegenüber wieder von der Vergangenheit losgelöst werden

So stehen die Partner während der Krise in einer negativen Wechselwirkung miteinander, in der sich das sichtbare Verhalten - zum Schutz vor den eigenen Ängsten – in ein verletzendes Szenario für den Partner entwickelt, das genau in dessen sensiblen Punkte trifft.
Diese negative Wechselwirkung aufzudecken, zu verstehen und Auswege daraus zu erproben, ist das Ziel unserer Paarbegeleitung, damit die Partner das, was sie am Anfang der Beziehung so positiv aneinander fasziniert hat, wieder finden können.

Zusammen durch die Krise

Eine Paarbeziehung ist nicht statisch, sie ist ein Prozess, wie ein lebendiger Organismus, sie verändert sich. Insofern ist es ganz natürlich, dass es innerhalb dieses Prozesses Zeiten größerer Nähe und auch größerer Distanz gibt, und selbst Krisen, in denen die Beziehung als solche auf dem Prüfstand steht, gehören wohl zu solch einem Organismus, so wie z. B. auch Krankheiten Begleiter unseres Körpers sind.
Unser Körper übersteht viele Krankheiten, er geht durch die Krise und gesundet wieder.
Warum sterben so viele Paarbeziehungen, scheitern an der Krise, statt an ihr zu wachsen?

Der fast typische Verlauf vieler Beziehungen ist uns allen geläufig:
Nach der anfänglichen Verliebtheitsphase (bis zu mehreren Monaten) geht es bergab, meist nicht nur bis zum so genannten „Boden der Realität“, sondern tiefer in den Keller der Konflikte, der Probleme, der gegenseitigen Vorwürfe. Der Partner beginnt einen zu nerven, unschöne, aber hartnäckig wiederkehrende Gefühle und Eigenschaften der Beteiligten machen den anfänglichen Himmel zur Hölle. Und man fragt sich, wie konnte ich mich nur so täuschen? Die Krise ist da.
Hier folgt oft entweder die Trennung oder die Resignation, d. h. man richtet sich ein im Bestehenden. Etwas ganz anderes ist es, gemeinsam durch die Krise zu gehen und zu wachsen in diesem Prozess. Was braucht es dafür? Und vor allem: ist der beschriebene und so häufig vorkommende Absturz zwangsläufig? Wie lässt er sich vermeiden?

Wenn die Krise akut ist, bedarf es vielleicht erst einmal professioneller Unterstützung, um die Verstrickung(en) erkennen zu können, um die Situation zu entspannen und die Basis für ein Miteinander wieder zu bekräftigen (oder gegebenenfalls festzustellen, dass es keine gemeinsame Basis mehr gibt).
Um in unserer Analogie zu bleiben: Wenn unser Körper in einer akuten Krise ist, d. h., wenn wir ernstlich krank sind, gehen wir vernünftigerweise zum Arzt, um uns Unterstützung zu holen. Ansonsten tun wir gut daran, Vorsorge zu treffen, uns pflegend um unseren Körper zu kümmern, uns gesund zu ernähren, Sport zu treiben, ect.
Dasselbe gilt für die Beziehung. Sie ist eben nicht selbstverständlich so schön und gesund (wie am Anfang). Wenn sie zu sehr belastet wird, geht sie ein. Wir müssen uns pflegend um sie kümmern, müssen Vorsorge treffen,  kleine Krisen entschärfen, bevor sie zu großen werden. Wie aber geht das?
Nach unserer Erfahrung gehört ganz wesentlich dazu:
 
1. die Grundannahme, dass jeder Mensch in sich vielschichtig ist und neben dem erwachsenen und bewussten Ich auch seine ganzen unter- oder unbewussten Seiten mit in die Beziehung bringt. Wenn zwei Menschen zusammenkommen, begegnen sich unter der bewussten Oberfläche auch zwei „Unterbewusstseine“.
Das Unterbewusste besteht (zu einem Teil jedenfalls) aus Gefühlen, die für die jeweilige Person nicht akzeptabel sind und die eben deshalb ins Unbewusste verschoben wurden.
Diese Gefühle haben mit dem aktuellen Partner überhaupt nichts zu tun. Sie sind alt. Sie stammen z. T. aus der Kindheit. Sie werden in der Beziehung jedoch aktiviert und auf den Partner projiziert (so kommt es ja auch immer wieder vor, dass wir selbst überrascht sind von manchen eigenen heftigen Reaktionen auf Äußerungen oder Verhaltensweisen des  Partners). Und genau diese alten, in der Paarbeziehung jedoch wieder aktivierten Gefühle sind für viele Krisen verantwortlich.


2. die Bereitschaft und der Mut, die Gefühle, die da kommen, zu erforschen, offen dem Partner zu zeigen, zu „gestehen“ und zugleich die Verantwortung dafür zu übernehmen.
Das ist eine schwierige Übung (die auch erlernt sein will), aber sie lohnt sich: unschöne und unerwünschte Gefühle zu offenbaren als meine eigenen Gefühle, für die Du, mein Gegenüber, nicht verantwortlich bist.
Schwierig ist das deshalb, weil es sich bei diesen Gefühlen ja um bislang unbewusste Anteile handelt, d. h. ein innerer Schutzmechanismus sorgt(e) dafür, dass wir von diesen Gefühlen nichts wissen, dass wir sie nicht als unsere eigenen Gefühle wahrnehmen. Deshalb scheint es uns so, als ob unser Partner uns diese Gefühle „machen“ würde, d. h. in unserer Überzeugung ist er/sie schuld daran, dass wir so fühlen.
Andererseits können auch Gefühle in uns auftauchen, die wir einfach nicht zeigen wollen (schon gar nicht dem Partner), für die wir uns schämen und die wir deshalb verstecken. Wir haben Angst, dass der Partner sich vor uns fürchtet, uns verachtet oder gar verlässt, wenn er/sie uns so sieht. Das Gegenteil ist der Fall: die Beziehung scheitert, weil versteckte Gefühle unterschwellig wirken und keine Chance für eine Klärung besteht.

3. Das Schaffen von Räumen im Alltag, oder besser gesagt, von Freiräumen außerhalb des Alltags, die - ganz regelmäßig -  reserviert sind für uns zwei, für Dich und mich, um unsere (obige) Übung durchzuführen und uns zu verwöhnen und Gutes zu tun.

Wenn wir uns auf diese Weise in der Beziehung ehrlich zeigen, wenn wir keine Mauern errichten um unsere „Geheimnisse“, um unsere dunklen Seiten, wenn wir nicht den Partner verantwortlich machen für unsere Gefühle, wenn wir ihm/ihr statt dessen erlauben, immer tiefer in unsere Seele zu schauen und wenn wir interessiert sind, immer tiefer die Seele unseres Gegenüber zu ergründen, dann muss Eros nicht flüchten, dann bleibt die Verbindung lebendig, dann erleben wir Freude, Erfüllung und Vergnügen und dann gehen wir auch unbeschadet durch die nächste Prüfung, weil wir sie nicht wahrnehmen als Krise, die einer von uns (meist der andere) verschuldet hat, sondern als eine weitere Wachstumsmöglichkeit für uns selbst.

Bernhard Fischer

Begleitung in der Trauerarbeit bei Trennung und Scheidung

Viele Menschen sind heutzutage damit konfrontiert, sich von einem Lebenspartner zu trennen.
Wir als Paartherapeuten sind fast täglich mit dem Schmerz und der Trauer konfrontiert, die die Paare in der Krise zu uns bringen.
Das Szenario von einer Trennung im Streit wird dabei schon fast als „normal“ angesehen. Aber warum ist das so? Und ginge es nicht auch anders?

Eine Trennung fällt nicht plötzlich vom Himmel. Oft gehen viele Jahre der Entfremdung oder des Kampfes ins Land, bis sich einer der Partner nicht mehr bereit erklärt, so weiter zu leben. Wenn nun die Trennung ausgesprochen wird, kommt meist trotzdem erst einmal der Schock darüber, dass -  und das Unverständnis, warum - es so weit hat kommen können.  
In diesem Schock steckt meist auch schon viel Angst vor den Veränderungen des Lebens und dem Verlust der Gewohnheiten, gepaart mit Wut über den anderen, der ja scheinbar daran schuld ist.
Wenn die Partner in ihrer Angst und Wut den anderen angreifen – was bei fast allen so ist – kann es keine Klärung und Entwicklung geben. Jeder ist verletzt, hat das Gefühl, schon lange viel zu viel erlitten zu haben und versucht in seiner Kränkung verzweifelt, einen Kern von Selbstwert zu erhalten, indem er sich im Recht wähnt und dadurch kann er die Wahrheit und das Recht des anderen nicht sehen.
Was es nun braucht, ist ein Zurücknehmen der Gefühle und Projektionen zu sich selbst. Was heißt das?
Während unserer Partnerschaft schließen wir – unbewusst oder bewusst – Verträge miteinander ab, in denen wir Verantwortung abgeben an den anderen, und wo der andere – in gewissen Bereichen – eine Art Ersatzmama oder -papa wird. Wenn sich mein Partner von mir trennt (oder umgekehrt), kündigt er diesen Vertrag. Nun beginnt die Konfrontation mit dem eigenen Schmerz darüber, dass der Mensch oder das Lebensmodell nicht mehr da ist, der/das mir Halt, Sicherheit, Liebe, Versorgung versprochen (und gegeben) hat. Bleibe ich im Gedanken, dass ich nur „den Richtigen“ finden muss, damit „es klappt“, so komme ich mit einem neuen Partner bald an die gleichen schmerzhaften Themen.

Der heilsame Weg zu Reifung und Wachstum ist unserer Erfahrung nach, den Schmerz und die Wut zuzulassen und in einem geschützten Rahmen auszudrücken. Darf die Welle von „negativen“ Gefühlen aus mir herauskommen, so bin ich danach klarer und kann in meine eigene Tiefe schauen. Ich komme an den Platz, wo ich meine Sehnsüchte wahrnehmen kann, die ich auf meinen Partner übertragen habe. Er oder sie sollte mir doch das geben, was ich in meiner Kindheit so schmerzlich vermisst habe. Erst wenn ich gewahr werde, was ich wirklich suche, was mein inneres Kind sich wünscht und wo seine Verletzungen sind, kann ich beginnen, die Sehnsüchte zu mir zurückzunehmen. Nicht mein Partner ist für mein Glück bzw. Unglück verantwortlich, sondern ich selber!
Im spirituellen Sinn kann ich vielleicht den Gedanken zulassen, dass dieser Mensch in meinem Leben ist, damit ich genau an dieser Wunde heilen und wachsen kann.

Nur selten gelingt dieser „shift“ nach einer Trennung  und die Projektion bleibt bestehen.
Wenn der Schmerz nicht ausgedrückt wird, muss ich weiter dabei bleiben, dass der Partner der „Böse“ ist, der mir das angetan hat. „Du bist schuld“ bedeutet, dass ich verstrickt und in der Wiederholung hängen bleibe
In unserer Kultur sind „negative“ Gefühle leider nicht erwünscht. Trauer wird versteckt, überspielt oder klein geredet. Es braucht aber einen Raum, in dem Wut und Trauer einfach da sein dürfen, gesehen und respektiert werden.
Dann kann meine Seele wieder zu sich selber finden und den Gegenüber gehen lassen – in Frieden.
Früher war es üblich, nach dem Tod des Partners ein Jahr schwarz gekleidet zu sein, mit der Erlaubnis zu trauern. Wie wäre das heute, wenn nach der Trennung die Partner in schwarz (weiß, grau, lila,) gingen und ihnen jeder den Schutzraum für ihre Gefühle gäbe?

Das soll nun nicht heißen, dass alle Projektionen auf einen Partner von da an wegfallen werden. Wichtig aber scheint mir die Bewusstheit darüber, dass wir es tun. Und dass unser Gegenüber ein wichtiger Teil unseres eigenen Systems ist. Was wäre, wenn das alles so sein dürfte?
So wie der Tod zum Leben gehört, gehört auch unsere Projektion dazu und kann uns zu einem tieferen Verständnis von uns selbst und dem Wesen von Beziehung führen.